Freitag, 16. September 2011

Rückblende

Sollte man als alter Mann Orte seiner Kindheit noch einmal aufsuchen?

Ich meine ja; selbst auf die Gefahr hin, dass sich inzwischen veränderte Rössing Binnewies 042Perspektiven, oder andere zu erwartenden Veränderungen sowohl des Ortes wie des Gedächtnisses, Voraussetzungen für Enttäuschungen bieten könnten. Schlimmer noch, dass die Erinnerungen durch ein Update überschrieben werden, Authentisches dabei also verloren gehen könnte.
Ich bin das Wagnis eingegangen, habe den Versuch unternommen und einen Ort meiner Kindheit aufgesucht und mich der Nostalgie hingegeben.

Einige Tagen zuvor hatte ich Kontakt mit Herrn B.  in Rössing aufgenommen, ihm mitgeteilt, dass ich von 1945 bis 48 als Kind zusammen mit meinen Eltern in seinem Haus gewohnt habe und ihm gesagt, wie gern ich noch einmal seinen Hof, meinen einstigen Spielplatz wiedersehen würde. Er zeigte Verständnis für mein Anliegen.
Das Besondere an seinem Grundstück war und ist seine Lage am Rössingbach, Beeke genannt, und die Nähe zum Schlossteich.

Als ich den Hof betrat, erfreute mich der Anblick von zwei KnabenRössing an der Pumpe 048, die   spielerisch mit der Wasserpumpe den alten Steintrog zum Überlaufen brachten und dem Rinnsal des abfließenden Wassers ihre Aufmerksamkeit widmeten. Ich sah mich an Stelle des Kleinsten, wie in einer filmischen Rückblende.

Nur Unwesentliches hatte sich in den mehr als sechs Jahrzehnten verändert. Viele Details erkannte ich sofort wieder und alles war mit angenehmen Erinnerungen verbunden.
Am Rössinger Schlossteich bin nicht enttäuscht worden, sondern erlebte ein - zwei Stunden lang Glückseligkeit. Zugegeben, emotionsgeladen, mit feuchtem Auge, also sollte ich statt von Glückseligkeit besser von Rührseligkeit sprechen.
Ob, oder wie weit das meine Gedächtnisinhalte veränderte, Erinnerungsbilder aufgefrischt wurden, vermag ich nicht zu sagen. Wesentliches ist auf dem Hof geblieben wie es war.

Binnewis Steg vom Hof zum DammUnterm Schauer, heute mit einer bequemen Sitzbank, wird noch immer Holz gelagert. Das Dach schützt Gartengeräte und ähnliche Utensilien wie ehedem. Daneben führt der Steg über die Beeke, fast so, wie ich mich an ihn erinnere. Von ihm gelangt man auf einen nur wenige Meter breiten Geländestreifen, den wir damals Damm nannten. Er trennt den Bachlauf vom Schlossteich, war Auslauf für die Gänse des damaligen Hofbesitzers, des Bäckermeisters D., und wenn diese großen Vögel es zuließen auch Tummelplatz für uns Kinder.
"Die Gänse sind ja auch noch da", staunte ich und machte mich innerlich schon bereit ihnen gegenüber meine Anwesenheit zu behaupten. Belehrt, dass es sich um Wildgänse handeln würde, wollte ich mich langsam an sie heranpirschen, sie fotografieren. Das misslang. Ohne Gezeter machten sie den Platz frei, begaben sich auf den Teich und schwammen davon. Die Hausgänse von damals waren nicht so zahm, sie hätten mich mit vorgestrecktem Hals attackiert.
100_6997 Eine Stelle am Teichufer hatte es mir als Kind besonders angetan. Dort lag ich manchmal lang ausgestreckt auf dem Bauch, den Oberkörper weit über die Uferkante geschoben, so dass ich alles was sich am schlammigen Boden des Teichs abspielte dicht vor Augen hatte. Hier gab es für mich immer etwas zu entdecken und zu beobachten. Das Wasser war an dieser Stelle nicht tief, vielleicht vom Wasserspiegel bis zum Grund nur dreißig oder vierzig Zentimeter. Wenn die Sonne kräftig wärmte, setzte ich mich wohl auch mal hin, um die nackten Beine im Wasser zu kühlen. Hinstellen konnte man sich nicht, denn es gab keinen festen Grund. Die Schlammschicht, Mudde genannt, ließ die Füße tief einsinken. Sie war schwarz, übelriechende Gasblasen stiegen daraus hervor, sobald man sie berührte. Wir Dorfkinder schreckten vor normalem Dreck und Schmutz nicht so leicht zurück, aber mit Mudde mochte niemand gern in Berührung kommen.

Bäuchlings im Gras liegend, mit dem Gesicht dicht über dem Wasser, konnte ich auf diese Schlammschicht schauen, sah aufmerksam zu, was sich dort abspielte. An den meisten Uferstellen gelang das nicht, weil dort ein dichtes Paket von Fadenalgen wuchs oder weil die Kante des Ufers zu hoch und damit der Abstand bis zum Wasser zu groß war.
Dort konnte ich bestenfalls auf das Algenpaket sehen, auf dessen grüner Oberfläche Insekten saßen und anderes Kleingetier herumkrabbelte. Junge Augen sind oft kurzsichtig, deshalb ließ sich manches Detail ohne Lupe, die mir ohnehin nicht zur Verfügung stand, bei geringem Abstand gut erkennen.
Was ich im einzelnen alles beobachte erinnere ich nicht, weiß aber, dass es mir niemals langweilig wurde.

Im Frühjahr 1945 hatte es mich nach Rössing verschlagen. Der fiel aus, begann erst im Sommer 1946. Ich erlebte die längste und sorgloseste Ferienzeit meines Lebens. Über die von mir im Schlossteich entdeckte Wunderwelt erfuhr ich in der Rössinger Volksschule leider fast nichts. Erst als wir ein Radio bekamen, damals waren wir innerhalb des Dorfes in eine Mietwohnung umgezogen, weit entfernt von Beeke und Schlossteich, lernte ich Einzelheiten über die heimische Flora und Faune durch den Schulfunk kennen. Als gedruckte Informationsquelle kam der Schulfunk-Bilderdienst hinzu.
Ein Beitrag über die Teichmuschel ermunterte mich, sie in natura zu beobachten, näher zu untersuchen. Ihre Schalen waren an vielen Uferzonen leicht finden.
Einmal habe ich eine Muschel an meine Beobachtungsstelle "umgesiedelt", konnte in den folgenden Tagen zusehen, wie sie sich am Grunde langsam fortbewegte. Aus dem Schulfunk wusste ich, was dabei geschieht, wie sie das bewerkstelligt.
100_7006_bearbeitet-1 Als ich jetzt auf dem Damm meinen Beobachtungsplatz nach mehr als 60 Jahren wiederfand, legte ich mich nicht auf den Bauch, wohl wissend wie schwer es wäre wieder auf die Beine zu kommen. Vielleicht sah ich deshalb keine Muschel, keine Wasserflöhe oder andere Kleinkrebse. Vielleicht sah ich sie nicht, weil das Wasser sehr viel trüber war, als einst.
Diesmal saß ich auf einen bequemen Gartenstuhl blickte auf die ruhig dahin schwimmende Schar der schönen Wildgänse und die zielstrebig auf mich zukommenden Futter erwartenden Enten, sah die kaum bewegte Wasserfläche, auf der sich die Bäume des gegenüberliegenden Ufer spiegelten und das rote Ziegeldach sowie die goldgelb gestrichene Fassade des Schlosses leuchteten.
100_7004 Seit einiger Zeit scheint sich in der Mitte des Teiches eine kleine Insel zu bilden. Möglicherweise handelt es nur um eine schwimmende, um Teile einer angeschwemmten Baumkrone, die sich im schlammigen Untergrund festsetzte und sich erst in etlichen Jahren zu einer festen Insel entwickeln wird. Soviel Freiheit ließ man der Natur in den ersten Nachkriegsjahren leider nicht.  Sicherlich hätte man damals  Anstrengungen unternommen, um das angeschwemmte Holz als Brennmaterial aus dem Teich zu fischen. Sogenanntes Totholz, Eschen ohne ein einziges grünes Blatt, ja ohne Krone stehen heute auf dem Damm und bieten Hornissen Wohnraum. Rössing Binnewies 027_bearbeitet-1  Am Ende des Dammes, an der Grenze zum Kastens-Pump genannten Biotop, Rössing Binnewies 040liegt ein gestürzter Baumriese. Er bietet ebenfalls Lebensraum für Insekten. Die Bezeichnung Totholz ist irreführend. In ihm herrscht vielfältiges Leben. Das Areal rings um den Teich hat sich in ein Paradies für Naturfreunde verwandelt. Sie bauen auf dem Damm Nistmöglichkeiten für den Eisvogel, der seine Bruthöhlen normaler Weise in senkrechte Steilwände aus Lehm oder festem Sand gräbt.
Eine deutliche Veränderung ist mir aufgefallen, die einst üppig wuchernden Fadenalgen sind von Teich verschwunden. Zeigt ihr Fehlen eine, gegenüber den 50er Jahren verbesserte Wasserqualität an? Wasserlinsen sah ich ebenfalls nicht, statt dessen schien mir das Wasser trüber zu sein als zur Zeit meiner Kindheit.
Diese Trübung mag aber jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen zu sein. Was es damit auf sich hat, werde ich bei gelegentlichen erneuten Besuchen heraus finden. Als ich mich damals über das Wasser beugte, um zu sehen, was sich am schlammigen Boden abspielt, muss das Wasser klar gewesen sein. Sonst hätten sich Erinnerungen an die verschiedenen Einzelheiten, die Teichmuschel, über deren "Atemloch" sich kleine Schwebeteilchen hin und her bewegten, nicht im Gedächtnis verankert. Ebenso wenig jene Bilder der Unterwasserwelt, die mich an einen Wald denken ließen, in dem ein kaum fingerlanger Hecht auf Beute wartete. Um solche Einblicke in die Unterwasserwelt zu bekommen, war es manchmal erforderlich, die dichte schwimmende Decke der Fadenalgen beiseite zu schieben. Vorsorglich schuf ich mir wohl auch für die nächsten Tage solche Beobachtungsfenster im Algenteppich. Am besten eignete sich dafür ein rauer Stock, besser noch das handliche Stück einer groben Holzlatte, damit konnte man die Algenfäden aufwickeln. Vorsichtig und langsam, um keinen Schlamm aufzuwirbeln, zog ich den Wickel heraus und schleuderte ihn an Land. Er triefte vor Wasser, roch intensiv, typisch nach Teich und Mudde. Mit den Algen landeten zugleich etliche Kleintiere auf dem Ufer. Sie zappelten und krabbelten um ihr Leben, wollten nicht im Trockenen sein. Besonders Auffällige, etwa Schnecken oder Schwimmkäfer setzte ich oft wieder zurück, beobachte sie noch eine Weile so gut das im Teich ging, sperrte sie aber dazu auch manchmal in ein Weckglas ein; so begann meine erste lockere Hinwendung zur Aquaristik. Ich erinnere mich auch an Tierchen, die wir Asseln nannten. Es wird sich dabei aber um Insektenlarven gehandelt haben.

Es war für uns Kinder kaum möglich über die verschiedenen Tier- und Pflanzenarten Einzelheiten zu erfahren.
Die Erwachsenen, einschließlich der Lehrer hatten durch die Kriegsfolgen "weiß Gott" andere Probleme, als uns die im Gewässer lebenden Tiere näher zu bringen. Die meisten Menschen hätten ohnehin nur Interesse daran gezeigt, soweit diese Tiere essbar und nahrhaft waren. So lernten wir zwar grob  einige Fischarten kennen, konnten Hechte und Rotfedern unterscheiden, erfuhren wohl auch, dass der eine ein Raubfisch, die anderen aber Friedfische seien, und lernten, dass eine andere, aus damaliger Sicht wichtigere Einteilung kennen. Nämlich eine Ordnung entsprechend der Begehrlichkeit, Nützlichkeit. Fünf dicke Rotfedern, ergaben eine Mahlzeit, ein halbwüchsiger Hecht bescherte dem Angler zwar ein wenig Aufmerksamkeit, machte aber nicht satt. Nur wenn er einen ausgewachsen fing, erntete er Bewunderung und eine Mahlzeit. Als Information musste das dem Dorfkind vorerst genügen.
Wer etwas lernen will "muss mit den Augen stehlen" hörte ich meinen Stiefvater sagen. Er (Heinrich Zeuner, geb. 1882 in Lauenau am Deister) stammte aus einer kleinbäuerlichen Handwerkerfamilie. Bei praktischen Tätigkeiten mag dieser Spruch noch immer Bedeutung besitzen. Irgendwann genügte mir das ausschließliche Beobachten nicht mehr.

Ein Beitrag im Schulfunk-Bilderdienst behandelte den Bitterling und seine Lebensgemeinschaft mit der Muschel.
Teichmuscheln gab es in Rössinger Gewässern häufig, aber von einer Fischart Bitterling wussten selbst die erfolgreichsten Angler nichts zu sagen. Als ich einem einmal sagte, der Bitterling würde seine Eier in die Teichmuschel legen fand ich kaum Gehör, merkte wie unterschiedlich unser beider Interessen offenbar waren.
Es wäre fast ungewöhnlich für einen Jungen meines Alters in Rössing nicht irgendwann auch einmal zur Angel gegriffen zu haben. Die Beeke oberhalb des Mühlenwehrs und der Mühlenkolk bis zur Pferdeschwemme waren die beliebtesten Angelplätze; nicht aber Teich und Schlossgraben. Sie wurden aus Respekt vor dem Baron oder dessen Gutsverwalter weitgehend gemieden.
Die als Angelruten bei der Jugend begehrten Haselnusstriebe wuchsen im Schlosspark, gleich hinter der Mauer, also auf verbotenem Terrain, glücklicherweise vom Schlossgebäude nicht einsehbar. Ich wagte mich auf das Parkgelände. Mein Vater hatte mir mir sein Taschenmesser anvertraut. Schnell ergatterte ich eine schöne gerade Haselnussrute. Zuhause im Nähkasten gab es schwarzen Zwirn. Etliche Stecknadel verbrauchte ich, bis es mir gelang einen geeignet erscheinenden Haken zu biegen.  Jetzt fehlte noch der Schwimmer. Einen Korken zu finden, ihn zu durchbohren stellte die größte Schwierigkeit beim Anfertigen meiner Angel dar. Dann war schnell alles verknotet, zuerst der Zwirnsfaden, durchs Korkenloch gezogen und mit einem Federkiel fixiert. Innerhalb eines Tages stand ich als Angler an der Beeke.
Rolf Angler bearbMeine Begeisterung hielt nicht lange an. Der erhoffte Erfolg stellte sich nicht ein. Erst als ich meine Angel, mit einem richtigen Haken ausstatten und auch sonst verbessern konnte, fing ich einige Fische, solche von der friedfertigen Art. Ich scheute mich sie zu töten. Ein Spielkamerad brachte sie mit seinem Taschenmesser brutal um.
So klein sie auch waren, meine Mutter briet sie für mich. Nie hätte ich geglaubt, dass die Winzlinge so viele Gräten haben könnten. Ich hätte sie besser im Bach lassen sollen. Angeln war nicht meine Sache.

Montag, 25. Juli 2011

Traurigkeit

 

Es is' ja, wi's is'  - nämlich sehr sehr traurig:

             In Oslo wütete ein durchgeknallter Massenmörder,

             in China stürzt ein Hochgeschwindigkeitszug von einer  Brücke,

             gestern jährte sich die Loveparade-Katastrophe,

             in Ostafrika verhungern Menschen,

             Wolfgang Joop trennt sich in Berlin von einer seiner Villen,

             Amy Winehouse ist tot,

             Sebastian Vettel verpatzt Podiumsplatz am Nürburgring.

Als kärgliche Lichtblicke müssen herhalten:

  •          Der SV Algermissen qualifiziert sich fürs Halbfinale der          Kreisliga,
  •          Schalke 04 hat gewonnen.

Was bleibt sind Trostpflaster und die fünf altbekannten Heilmittel gegen Traurigkeit:

         Tränen, das Mitleid der Freunde, die Betrachtung der Wahrheit, schlafen und träumen.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Teebeutel-Schleuderei

Auf dem kleinen Anhänger, der vom Teebeutel (Yogi Tea Classic) über dem Becherrand hängt, lese ich: "Starke Wünsche brauchen einen starken Willen."
In meiner Kindheit galt die Aussage "Ich will ..." bereits als kritikwürdig. "Ich hätte gern ..., ich wünsche mir ...", artig noch das Zauberwort "bitte" hinzugefügt, war die einzige akzeptable Form einen Wunsch zu äußern. Gegenüber einer Forderung mit starker Willensbekundung hatte damals nur eine höflich zurückhaltende Formulierung in unsere Gesellschaft die besten Chancen. Niemand wollte mit seinem Wunsch Unbescheidenheit zum Ausdruck bringen. Oft hielt ich mich daran. Bis eines Tages ein mir wohlgesonnener Vorgesetzter, meine Zurückhaltung absonderlich fand.
Er trat mit einem Karton auf eine kleine Gruppe seiner Mitarbeiter heran und verteilte Exemplare einer vom ihm herausgegeben kleinen Schrift. Alle drängten sich vor. Ich hielt mich zurück. Dann sah ich, dass sich im Karton nur noch zwei Büchlein befanden, zögerte einen Wimpernschlag mit dem Zugreifen, und ging ich leer aus. Als der Autor seine letzten Belegexemplare verteilt hatte, muss mir wohl meine Enttäuschung im Gesicht gestanden haben. Er sagte im väterlich freundlichen Ton und einem Achselzucken zu mir: "Braves Kind fragt nicht - braves Kind bekommt nichts."
"... und dabei hätte ich so gern ihr Buch gelesen."
Am nächsten Tag lag eins in meinem Postfach. Danke lieber Dr. K. Sie haben mir die Augen geöffnet.
Sogenannte Bescheidenheit, ein freiwilliger Verzicht zu Gunsten anderer, noch dazu solchen, die sich selbst in den Vordergrund schieben, führt nicht immer direkt zum Ziel, bestenfalls zu Anerkennung und Wertschätzung. Immerhin, das ist sehr viel!
Da sich die allgemeinen Umgangsformen in vielen Bereichen veränderten, blieb auch ich nicht immer bei Bescheidenheit und Höflicheit. Dennoch als Fundament sind solche Tugenden nicht wegzudenken.
Wohl deshalb ich bin enttäuscht, wenn erlebe, dass ein junger Radfahrer auf dem Gehweg klingelnd an einem am Stock gehenden Opa vorbei zieht. Bin beruhigt, dass der Alte nicht hinterher schreit "Radfahren verboten" sondern zur Vermeidung von Konfrontationen rechtzeitig beiseite ging.
Ein "Danke" aus dem Munde des Jünglings würde mich hoffnungsfroh stimmen.

Es is' ja, wi's is'

sagt Stefi den Frühstücksgästen in ihrer Imbissbude.
Ein philosophisches Wort von allumfassender Bedeutung.
Eine Binsenweisheit, ähnlich wie: 'Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt' (Laotse / Laozi, 6.Jh.v.Chr.)
Stefanis Gesellschaft möchte ich zu folgenden Gedankengängen verleiten.

Dem Ziel einer Reise nahe ist der erste Bewegungsimpuls oft von vielfältigen Reiseeindrücken überlagert und dem Gedächtnis entschwunden. Das gilt erst recht bei der Betrachtung des Lebensweges. Erinnerungen an die eigene Lebensreise mögen weit zurückreichen. Aber sicherlich nicht bevor das fünfte Lebensjahre erreicht  wurde. Handelte es sich dabei um den ersten bewussten Schritt; begann damals die bewusst erlebte Reise? Undeutliche Erinnerungen mögen aus dieser Zeit abrufbar sein; oder sind  Rückblicke auf solche Abschnitte des eigene Daseins gar nicht möglich und wenn doch, wie wahrheitsgemäß sind sie? Was blieb in Erinnerung, was wurde ausradiert oder leicht verändert überschrieben?

Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. „Der Weg ist das Ziel“, könnte man glauben und eine stete Veränderung als Lebensziel vorschlagen. Es sei denn man kennt Melvilles Wort: "Life's a voyage that's homeward bound." Doch eine Reise, die heimwärts führt, kann nur Bedeutung für jene erlangen, die ein Zuhause besitzen oder an dessen Existenz glauben.
Die Vorstellung nach dem Tode heimzukehren, ist in unserem Sprachgebrauch fest verankert. Sie mag schon sehr früh in der Geschichte menschliches Wunschdenken beeinflusst haben. Allein schon, um dem Tod den Schrecken zu nehmen.
Andererseits könnte aus dem Glauben an ein, wie auch immer geartetes Fortleben nach dem Tode, dem Glauben an Wiedergeburt, Auferstehung in Geborgenheit, eine Todessehnsucht erwachsen. Die Aufnahme ins Paradies ist  nicht kostenlos zu haben. Man muss sie mit dem Leben bezahlen. Losgelöst von religiösen Dogmen mögen auch Überlegungen auftauchen, dass ein ewiges Fortbestehen atomarer Substanz, in einem Kreislauf mündet. Atome aus denen schließlich alle Lebewesen bestehen und die selbst nach dem Weg durch Feuer, sogar nach kosmischer Durchmischung und stellarer Neuordnung aller Elemente Bestand bewahren, retten uns, zumindest Teile unseres Körpers vor dem endgültigen Auslöschen. Das ist ein Gedanke, dem sich vielleicht jene hingeben, denen eine leibliche Auferstehung am Ende aller Tage, als Horrorvision erscheint und denen die abgemilderte Form, die immaterielle Auferstehung, das Fortleben der Seele, sympathischer ist. An dieser Stelle höre ich einen Zwischenruf in Stefanis Theke: "Meinste Seelenwanderung! Oder was?"

Alles kann auch vollkommen anders sein, als menschlicher Geist sich vorzustellen vermag. Platon öffnete uns mit seinem Höhlengleichnis die Augen. Danach wäre alles während der Lebensreise Gesehene als Trugbild zu werten; welchen Stellenwert dürfen wir dann dem ganzen Geschehen zugestehen?
Die überschaubare Etappe des Lebens endet mit dem Tod. Ein Abschnitt ist erreicht. Das war's dann. Für tiefgründige Fragen hat die NDR2-Comic-Figur Stefanie eine passende Antwort parat. Sie sagt den Gästen ihrer Stehimbissbude: „Es is’ wi’s is’."
http://www.podcast.de/episode/2081917/E10
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